Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber

Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber

Veranstalter
DAM – Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main / MAK – Museum für angewandte Kunst in Wien
Veranstaltungsort
Deutsches Architekturmuseum
PLZ
60314
Ort
Frankfurt am Main
Land
Deutschland
Vom - Bis
16.09.2023 - 14.01.2024

Publikation(en)

Cover
Elser, Oliver; Mayerhofer, Anna-Maria; Hackenschmidt, Sebastian; Dyck, Jennifer; Hollein, Lilli; Schmal, Peter Cachola (Hrsg.): Protestarchitektur. Barrikaden, Camps, raumgreifende Taktiken 1830–2023. Zürich 2023 : Park Books, ISBN 978-3-03860-334-4 528 S., zahlr. Abb. CHF 19.00; € 19,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Richard Rohrmoser, Historisches Institut, Universität Mannheim

Ein riesiges lilafarbenes Anarchiezeichen war an der Außenfassade angebracht, ringsum prangten Graffiti-Sprüche wie „live, love, resist“, „start a riot“ oder „smash colonialism“, und eine schlichte olivgrüne Abdeckplane auf dem Dach sollte Schutz vor Regen und Unwetter bieten. Die Rede ist von dem kleinen Holzhaus „Rotkoehlchen“, das im nordrhein-westfälischen Lützerath eine wichtige Anlauf- und Kontaktstelle für die Proteste gegen den dortigen Braunkohletagebau war. Gern hätten das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt (DAM) und einer seiner Kurator:innen, Oliver Elser, das Pfahlhaus als Exponat für die Ausstellung „Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber“ bekommen, die in Kooperation mit dem Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) erarbeitet wurde. Es lag sogar ein Leihvertrag mit den Umweltaktivist:innen vor; zudem wurde ein Amtshilfeersuchen zum Erhalt des „Kulturguts“ an das Polizeipräsidium Aachen gestellt. Dennoch wurde am 15. Januar 2023 das „Rotkoehlchen“ bei Räumungsarbeiten des Energiekonzerns RWE zerstört, bevor auch die letzten verbliebenen Aktivist:innen das Protestcamp aufgaben.


Abb. 1: Das Holzhaus „Rotkoehlchen“ (2020–2023) im rheinischen Braunkohlegebiet Lützerath
(Foto: Anna-Maria Mayerhofer, 30. Mai 2022, CC BY-NC-ND 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode.de)

Das Holzhäuschen hätte deshalb ein prädestiniertes Exponat dargestellt, weil es im Grunde ein auf Stelzen errichtetes „Baumhaus ohne Baum“ war und somit in Anbetracht der Deckenhöhe im DAM auch relativ unkompliziert hätte installiert werden können. Stattdessen findet sich im Eingangsbereich nun eine hölzerne Hängebrücke in „Y-Form“, die vor wenigen Monaten noch im Hambacher Forst stand – einem weiteren bundesdeutschen Protestbrennpunkt der letzten Jahre – und in 16 Meter Höhe drei Baumhäuser miteinander verband. An der heutigen Stelle schwebt sie allerdings lediglich ca. 30 cm über dem Boden und darf von den Besucher:innen der Ausstellung aus konservatorischen und versicherungsrechtlichen Gründen nur ohne Schuhe und auch nur einzeln betreten werden. An diesem eindrücklichen und raumgreifenden Exponat findet sich bereits eine Erklärung, warum Aktivist:innen inzwischen oft akribisch darauf achten, dass ihre Protestcamps in Bäumen bzw. auf Stelzen in über 2,50 Meter Höhe errichtet werden: Ab diesem Wert muss die deutsche Polizei bei Räumungsaktionen nämlich Spezialeinheiten anfordern, wodurch die Öffentlichkeit stärker Notiz von dem jeweiligen Protestereignis nimmt und sich die Raumbesetzungen länger durchführen lassen. Für derartige Strategien haben die Ausstellungsmacher:innen sogar einen neuen Begriff etabliert: „Verzögerungsarchitektur“.

Nach diesem lebendigen Beginn führt die Schau das Publikum durch eine Chronologie des weltweiten Protests beispielsweise von der Pariser Julirevolution im Jahr 1830 über den Frankfurter Septemberaufstand 1848, die internationalen Revolten im Chiffren-Jahr 1968 und die friedliche Bürgerprotestbewegung in den Philippinen 1986 bis zu den aktuellen Protestaktionen der „Letzten Generation“. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dreizehn „Case Studies“ zwischen 1968 und 2023, etwa der im Kontext der Bürgerrechtsbewegung aus ca. 3.000 Hütten entstandenen „Resurrection City“ in Washington D.C. 1968, der Euromaidan-Revolution in Kiew von November 2013 bis Februar 2014 oder den Hongkonger Protesten gegen die Einschränkung des Status als Sonderverwaltungszone im Herbst 2014. Auch die hierzulande wenig beachteten Bauernproteste gegen die umstrittene Liberalisierung des Agrarmarktes in Indien im Jahr 2021, die auch eine schwere Corona-Welle nicht stoppen konnte, werden mit Fotos, Filminstallationen, Lageplänen und Texten thematisiert. Es finden sich zudem beeindruckende und originelle Exponate, welche die Aktivist:innen in den jeweiligen Protesträumen zur Verteidigung einsetzten, beispielsweise Nudelsiebe als Schutzhelme vor Staatsgewalt in Kiew oder Regenschirme als Schutzschilde vor polizeilichem Einsatz von Pfefferspray in Hongkong.


Abb. 2: Hongkonger Aktivist:innen schützen sich mit Helmen, Regenschirmen und selbstgebauten Schutzschilden vor dem polizeilichen Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern.
(Foto: Studio Incendo, 1. Juli 2019, CC BY 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de)

Den Kurator:innen zufolge wurde die Auswahl der Protestereignisse nicht nach Sympathie oder bestimmten politischen Inhalten getroffen, sondern soll wertneutral darstellen, wie sich Protestierende zur Durchsetzung ihrer jeweiligen Ziele bestimmte Räume aneignen oder selbst schaffen. Aus diesem Grund wird auch der Sturm auf das Kapitol durch Gefolgsleute des damals noch amtierenden, jedoch abgewählten Präsidenten Donald Trump im Januar 2021 dokumentiert, als ein wütender Mob einen der ikonischsten politischen Orte der Welt, den US-Kongress, temporär besetzte und im Zuge dieser Ereignisse fünf Personen ums Leben kamen. Eine Kernbotschaft der Schau lautet dabei, dass die Raumaneignung und die daraus resultierende Protestarchitektur wie etwa improvisierte Bauten von entscheidender Bedeutung für das Erreichen der Ziele einer Protestbewegung sind – oftmals ist das Hauptziel bereits das Generieren einer Öffentlichkeit für die jeweilige Thematik. Bei der Frage nach den Erfolgschancen von Protest und sozialen Bewegungen lag der Fokus der Geisteswissenschaften bis dato vor allem auf der Genese von Protestikonen, wie zum Beispiel Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder zuletzt Jina Mahsa Amini im Iran. Insofern stellt die Ausstellung einen überzeugenden Perspektivwechsel dar. Differenzierungen zwischen Protest in demokratischen und nichtdemokratischen Systemen sowie eventuelle Unterscheidungen bezüglich der Protestarchitektur werden dabei nicht festgestellt.


Abb. 3: Das Provisorische und Improvisierte der Protestarchitektur drückt sich auch in der Ausstellungsgestaltung aus.
(Foto: Moritz Bernoully, 2023)

Generell besticht die Schau nicht nur durch ihren dichten und einleuchtenden Informationsgehalt im Hinblick auf die Relevanz von Protestarchitektur, sondern ebenso durch die erfrischend unkonventionellen Installationen der Exponate und Protestdevotionalien (Gestaltungsbüro „Something Fantastic“): Schiefe Gitterwände bilden in vielen Fällen die Stative für Ausstellungsobjekte, während in einem Bereich Spanplatten zu kleinen notdürftigen Schutzdächern festgespannt sind, auf denen Plakate scheinbar provisorisch präsentiert werden. Dazwischen sind auf zusammengebundenen Tischen kunstvoll-raffinierte Modelle verschiedenster Baumhauskonstruktionen, Barrikaden und Zeltstädte ausgestellt. Im Eingangsbereich gibt es ferner neben der Holzbrücke eine Fläche, auf der zahlreiche Objekte gezeigt werden, die sich die Aktivist:innen von Lützerath mittels einer virtuellen Wunschliste im Internet als Sachspenden für die Durchführung ihres Protests erbeten haben: Darunter findet sich von A wie Akkuschrauber über K wie Kabeltrommel bis zu Z wie Zurrgurte so ziemlich alles Erdenkliche aus deutschen Baumärkten. Somit hält die Schau die Balance zwischen Informationsvermittlung in Textform und plastischen Exponaten aus der konkreten Welt der Aktivist:innen.


Abb. 4: Ausgestellt sind ca. 40 verschiedene Modelle von Baumhaus- und Zeltkonstruktionen vom Protestort Lützerath.
(Foto: Moritz Bernoully, 2023)

Obwohl die Ausstellung selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit bezüglich Protestbarrikaden und -camps von 1830 bis 2023 erhebt, so ist eine Leerstelle doch zumindest bemerkenswert: Die kleine schwäbische Gemeinde Mutlangen, in der als Folge des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 atomare Pershing-II-Raketen stationiert wurden und die sich in anschließend zu einem bedeutsamen Protestbrennpunkt der 1980er-Jahre entwickelte, findet leider keine Erwähnung (bzw. lediglich sehr kurz im Begleitband unter dem Stichwort „Blockade“, S. 110). Vor dem US-Raketendepot fanden tausende Sitzblockaden statt, und ein radikaler Kern der Friedensbewegung besetzte über Jahre eine alte Scheune als zentrale Anlauf- und Kontaktstelle der Nachrüstungskritiker:innen. Durch ihre in der Bundesrepublik damals noch neuartigen Protestformen im Stile des zivilen Ungehorsams störten die Friedensaktivist:innen mit ihrem Körpereinsatz den öffentlichen Raum dort strukturell. Sie ließen im Verlauf ihrer Blockadeaktionen sowie ihrer eigenmächtigen Raumaneignung eine Protestarchitektur entstehen, die stilbildend für etliche weitere Kristallisationspunkte der Neuen Sozialen Bewegungen in den 1980er-Jahren und danach war. Ebenso emotional, wie derzeit über die kontroversen Protestaktionen der „Letzten Generation“ diskutiert wird, fand damals ein Disput über die Legalität bzw. Legitimität von Sitzblockaden statt, der letztlich eine breitere Akzeptanz von Protest als politischem Partizipationsinstrument in der deutschen Gesellschaft bewirkt hat.1

Trotz dieses kleinen blinden Fleckes ist die Ausstellung „Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber“ absolut sehens- und erfahrenswert, da sie nicht nur einen anschaulichen Überblick zur Globalgeschichte von Protest bietet, sondern durch die Fokussierung auf die Sicherungsarchitekturen eine erfrischend neue Perspektive auf diese politische Beteiligungs- und Einspruchsoption eröffnet. Erwähnenswert ist außerdem der über 500-seitige, reich bebilderte und erstaunlich preisgünstige Begleitband zur Schau, der neben einer Chronologie vor allem ein umfassendes deutsch-englisches Lexikon und Nachschlagewerk nicht nur zur Protestarchitektur, sondern zum Thema „Protest“ allgemein darstellt. Vom 14. Februar bis zum 25. August 2024 wird die Kooperationsausstellung im Wiener Museum für angewandte Kunst zu sehen sein.

Anmerkung:
1 Siehe dazu Richard Rohrmoser, „Sicherheitspolitik von unten“. Ziviler Ungehorsam gegen Nuklearrüstung in Mutlangen, 1983–1987, Frankfurt am Main 2021; rezensiert von Stephen Milder, in: H-Soz-Kult, 03.06.2022, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-97534 (15.11.2023).